"Ich kann nicht singen!" Singen lernen für Anfänger*innen

Aktualisiert: 2. Juni

"Ich würde gerne singen können, leider bin ich völlig untalentiert!" Solche oder ähnliche Dinge hört man oft und gerne von Menschen, wenn sie nach den eigenen Fähigkeiten gefragt werden. Zeit diesem Mythos auf den Grund zu gehen und unserer professionellen Gesangslehrerin Andrea aus Zürich ein paar Fragen zu stellen.

Singen lernen und Stimmbildung
Singen kann können alle - es ist eine Frage der Technik

"Jede*r kann singen" - stimmt das wirklich?

Grundsätzlich kann jede Person singen und viele wünschen sich das auch. Häufig trauen sich Menschen es aber einfach nicht zu, sind zu scheu oder haben andere Gründe, wieso sie es nicht ausprobieren. Die Ausrede «ich kann nicht singen» kann ich so nicht stehen lassen. Es ist ja nicht so, als könnte man eine Gitarre in die Hand nehmen und einfach drauflos spielen. Es braucht ein Konzept und es braucht Übung und Wiederholung. Das ist beim Singen genau gleich, nur hier ist das Instrument der eigene Körper. Im Weg stehen häufig nur die eigenen Selbstzweifel.


Also braucht es kein Talent oder körperliche Voraussetzungen?

Natürlich sind gewisse körperliche Voraussetzungen hilfreich. Im Zentrum stehen aber andere Faktoren. Die richtige Technik ist entscheidend. Der Atem ist von zentraler Bedeutung. Der Atem macht den Ton und der Ton macht die Musik. Der Atemfluss, das flexible Zwerchfell und seine Federung, welche Bauch und Rippenmuskeln wann zum Einsatz kommen. Wie Kiefer lockern den Ton befreit und die Mundstellung zur brillanten Höhe beiträgt. Danach folgt natürlich die persönliche Ambition, will ich Profi werden oder das als Hobby betreiben? Wieviel Zeit kann oder will ich investieren? Was ist meine Motivation? Es ist vergleichbar mit Sport!


Wo ist das Limit meiner Stimme?

Das weiss man erst, wenn man es ausprobiert hat. Normalerweise dort, wo der Mensch technisch und musikalisch noch nicht angekommen ist. Wenn ich merke, dass ich heiser werde, ermüde oder mir der Atem fehlt, das sind körperliche Grenzen. Du siehst, das hat wenig mit Talent zu tun sondern mit Wissen. Musiktheorie, Technik und Kenntnis über die eigene Stimme, das alles kann man lernen.

Gesangsunterricht

Wie finde ich heraus, was für eine Stimme ich habe?

Zum Beispiel mit der Bestimmung der Indifferenzlage. Das findet eine geschulte Gesanglehrperson in ein paar wenigen Minuten raus. Um die Indifferenzlage legt sich das Tonspektrum des Sprechens. Das Sprechen in dieser Lage ist für den Menschen am schonendsten. Im ersten Moment ist die aber gar nicht so wichtig, viel wichtiger ist, das man in seiner «Range» singt und sich mit Technik und Übung seinen Stimmumfang ausdehnt. Der ganze Rest folgt dann sehr natürlich mit der Dauer und Übung.


Wie lange dauert es, bis ich singen kann? Wie schnell merkt man Fortschritte?

Mit klaren Übungsanleitungen und einem gezielten Unterricht merkt man sehr schnell einen Fortschritt. Schon nach ein paar wenigen Unterrichtsstunden kann man massive Fortschritte machen. Innerhalb von 1 bis 1.5 Jahren erreicht man bereits ein gutes Niveau. Aber wie bei allem, muss man üben und etwas Selbstdisziplin haben, um sich weiterzuentwickeln. Es ist aber definitiv nicht unerreichbar. Das wissen Viele nicht, siehe erste Frage.


Können auch Erwachsene noch singen lernen oder geht das einfacher bei Kindern?

Es ist wie bei allem, je früher man anfängt, desto einfacher fällt es einem. Singen ist aber per se für alle Altersgruppen geeignet. Erwachsene sind häufig sogar noch etwas disziplinierter und strukturierter. Dafür sind Kinder unbefangener und singen drauflos, ohne Scham. Davon können sich die Erwachsenen ein Stück abschneiden!

Singen lernen für Kinder

Was lernt man bei einer Gesanglehrperson, was man bei YouTube nicht lernt?

Anfänger*Innen rate ich von YouTube und online Unterricht ab. Viel passiert über Nachahmung und gutes Zuhören. Hier ist die Interaktion zwischen Schülern und der Lehrperson sehr entscheidend. Die Stimmbänder sind eine delikate Angelegenheit, auf die muss man aufpassen! Nur mit mehr Druck auf der Stimme kann man nicht lauter oder voller singen. Das schadet mehr, als es nützt. Mit Fortgeschrittenen Gesangschüler*innen klappt der virtuelle Unterricht mittlerweile ganz gut, das hat sich während Corona auch noch etwas besser etabliert.


Was kann schief laufen, wenn man Singen «falsch» lernt?

Es gibt Extreme auf beide Seiten. Wenn man die eigene Stimme nicht unter Kontrolle hat, z.B. den Stimmbandschluss nicht lernt, wird die Stimme luftig (verhaucht) oder zu fest (hart). Das passiert häufig bei Anfänger*innen und führt dazu, dass die Muskeln und die Stimme erschlafft. Das andere Extrem ist eine Überlastung der Stimme (Glottischlag). Wird mit zu viel Kraft gearbeitet, entsteht ein Druck am Kehlkopf, das kann sich langfristig negativ auf die Stimme auswirken und ist gefährlich. Ein dauerhaftes «falsches» singen kann ausserhalb des eigenen Normbereichs ziemlichen Schaden an den Stimmbändern anrichten. Das sieht man übrigens auch bei Hobbymusikern und Bands, die keine formelle Gesangausbildung haben.


Wo kommt die Stimme noch zum Einsatz?

Natürlich in allen Lebenslagen. Besonders aber auch in der Geschäftswelt und spezifisch bei Führungskräften. Stimmbildung für Kadermitarbeiter ist sehr empfehlenswert. Wie klinge ich? Hören mir Menschen gerne zu? Ermüdet meine Stimme nach langen Reden oder Präsentationen? Das alles sind Fragen, die sich Menschen stellen sollten, die vor einem Publikum sprechen. Bekanntlich ist es wichtig, wie man etwas sagt und nicht nur was man sagt!


Was lernt man typischerweise in einer Probelektion bei dir?

Am Anfang empfehle ich immer Privatunterricht, nur so kann man auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Danach gibt’s einen Check-up. Vorhandene Fähigkeiten, Erfahrung, Vorbelastungen, Erkrankungen (z.B. Asthma). Aber auch die persönlichen Ziele und Erwartungen. Nicht alle lernen gleich. Dann gehören ein paar Übungen dazu um die Sprechstimmhöhe und die Indifferenzlage zu bestimmen. Und natürlich wird in der ersten Lektion auch bereits gesungen, z.B. das eigene Lieblingsstück. Es soll ja auch Spass machen!


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